Die Tussetwallfahrt 2015

Von Christian Weishäupl
Fotos: Weishäupl
aus BHB Nr. 10 vom Oktober 2015

Liebe Böhmerwäldler
und Leser unseres „Heimatbriefes“!

Philippsreut. Es war ein besonderer Festtag für die Gemeinde Philippsreut und ihre Patenkinder, die heimatvertriebenen Böhmerwäldler und ihre Nachkommen: Am Hochfest der Himmelfahrt Mariens konnte vor der Neuen Tussetkapelle am Philippsreuter Ortseingang deren 30. Weihejubiläum begangen werden. In Vertretung für Diözesanbischof Dr. Stefan Oster SDB zelebrierte Dekan Kajetan Steinbeißer gemeinsam mit Ortspfarrer Alois Kaiser einen Festgottesdienst, in dem das Jubiläum der Kapelle genauso im Mittelpunkt stand wie die Verehrung der Gottesmutter Maria. Eingangs des Gottesdienstes verlas Dekan Steinbeißer ein Grußwort des Bischofs, der sich derzeit im Krankenstand befindet. Sein Vorvorgänger Franz Xaver Eder hatte der Kapelle am 27. Juli 1985 den Weihesegen gespendet. In seinem Brief erinnerte der Bischof an die historischen Umstände, welche den originalgetreuen Nachbau der Kapelle vom Tussetberg in Böhmen diesseits des „Eisernen Vorhangs“ überhaupt notwendig gemacht habe: Staatliche Macht habe einen Keil, eine Grenze durch Zeit und Raum geschlagen. Die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertriebenen Böhmerwäldler aber hätten eines gewusst: Egal wann und wo die Mutter Gottes verehrt wird, dürfen die Menschen ihren Trost, ihren Schutz und ihre Gnade erfahren. Dekan Kajetan Steinbeißer erinnerte an die Initiatoren des Kapellenbaus Anfang der 1980-er Jahre, allen voran an den Obermoldauer Heimatbetreuer Emil Weber und den Philippsreuter Bürgermeister Otto Damasko, aber auch an die ehemaligen Dörfer jenseits der Grenze, die nach 1945 zum großen Teil den Erdboden gleichgemacht wurden, sowie an den großen Festtag vor 30 Jahren, als die Böhmerwäldler mit der neuen Kapelle wieder ein Stück vom „Daheim“ gefunden haben. Bei aller Erinnerung, so der Dekan, gehe es aber letztlich um zwei Tatsachen: die Heimat und das stets mit einer Wallfahrt verbundene Fest der Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel.

Wie einst am Tussetberg im Böhmerwald: Am Hochfest Maria Himmelfahrt versammelten sich viele heimatvertriebene Böhmerwäldler und ihre Nachkommen in ihrer Patengemeinde Philippsreut, um vor der Neuen Tussetkapelle den Wallfahrtsgottesdienst mitzufeiern.

Der Begriff „Heimat“ werde heute in der globalisierten und modernisierten Welt oft abwertend betrachtet. Gerade im Landkreis Freyung-Grafenau werden viele junge Menschen beruflich dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Viele tun dies auch, um im „Livestream“ dabei zu sein. „Ein Mensch, der seine Wurzeln verleugnet und vergisst, weiß aber nicht, wo es hingeht“, so der Dekan. Das Gehen eines Weges allein könne keine Orientierung bieten, sondern man brauche vielmehr ein konkretes Ziel vor Augen. Für viele Katholiken – vor allem auch im alten Böhmerwald – war dieses Ziel immer wieder die Gottesmutter Maria, die alle Schattierungen des Lebens – keine Herberge zu finden, in die Flucht gezwungen zu werden, dem eigenen Kind ins Grab schauen zu müssen – miterlebt habe. Die Antwort auf die Frage, weshalb diese Frau heute immer noch verehrt werde, gehe tief an den Grund des Glaubens. Maria nämlich vereine Gott- und Menschsein in sich, verbinde Seele und Leib. Am Festtag Maria Himmelfahrt werde deshalb die „Aufnahme Mariens in den Himmel mit Leib und Seele“ begangen. Der Kirche sei der Leib immer sehr wichtig gewesen, das Denken und Fühlen der Menschen, das nicht mit der Seele zu trennen sei. Jüdisch-christliche Tradition sei es deshalb, die Toten zu begraben und nicht einzuäschern.

Der sakrale Höhepunkt der Wallfahrt: In Vertretung für Bischof Stefan Oster spendete Dekan Kajetan Steinbeißer neben dem Gnadenbild der Gottesmutter von Tusset den eucharistischen Segen.

Im Rahmen des Festgottesdienstes wurden, der Tradition des „Großen Frautags“ entsprechend, die Heilkräuter gesegnet, symbolisch dafür, dass der Mensch am Leib gesund bleiben solle. Zeremoniar Walter Schwarz aus Freising, ein gebürtiger Mitterfirmiansreuter, der alljährlich am 15. August bei der Philippsreuter Wallfahrt assistiert, erinnerte zudem an den ehemaligen Ortspfarrer Max Richtsfeld, der als großer Marienverehrer bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand im Jahr 2006 die Wallfahrt gefördert hat, nun aber an den Rollstuhl gefesselt sei und umso mehr jener Gesundheit des Leibes bedürfe. Mit dem eucharistischen Segen und dem „Großer Gott, wir loben Dich“ schloss der Gottesdienst an der Kapelle, der von der Blaskapelle Philippsreut feierlich umrahmt worden war. Am Nachmittag ging es dann für die Wallfahrer hinaus auf die Philippsreuter Fluren zum Böhmerwald-Kreuzweg, wo nochmals die Fürbitten und persönlichen Gebetsanliegen vor Gott getragen werden konnten. Das Allerheiligste blieb den ganzen Festtag über in der Tussetkapelle zur Anbetung ausgesetzt. Am Rande der Wallfahrt, die traditionell mit einem Patenschaftstreffen verbunden ist, wurde ein kleiner weltlicher Teil abgehalten. Der Deggendorfer Karl Swihota, Vorsitzender des Böhmerwald-Heimatkreises Prachatitz, dankte Dekan Steinbeißer und Pfarrer Kaiser für den Festgottesdienst. In beiden wisse er gute Freunde der Böhmerwäldler, die sich sehr für die Anliegen seiner Landsleute interessieren und einsetzen. Die Philippsreuter Tussetkapelle, die davor aufgestellten Gedenksteine im Rahmen der Gemeindepatenschaften sowie der Kreuzweg sollen, so Swihota, auch für die nächsten Generationen eine Erinnerung an den alten Böhmerwald sowie Mahnmal für Friede und Versöhnung bleiben. Ein besonderer Dank gelte allen voran den Bewohnern und Vereinen, der Pfarrgemeinde und der Gemeindevertretung von Philippsreut, dieses einzigartige Denkmal in ihrer Mitte zu beherbergen.
Namens der Gemeinde Philippsreut bedankte sich Bürgermeister Helmut Knaus für die Treue der Wallfahrer zur Grenzgemeinde. Anlässlich des 30. Weihejubiläums der Kapelle überreichte er Erinnerungsgeschenke – eine Aquarellansicht des Kirchleins – an die Geistlichkeit, an Karl Swihota, Rudolf Paulik (Ehrenvorsitzender des Heimatkreises Prachatitz) und Heinrich Heinzl (Heimatbetreuer der ehemaligen Gemeinde Landstrassen) sowie an Altbürgermeister Alfred Schraml. Ein besonderer Dank, verbunden mit Geschenken, galt dem Ehepaar Franz und Theresia Friedsam, die sich Jahr und Tag um die Pflege der Philippsreuter Kapelle kümmern, die in dreißig Jahren zu einem wahren Schmuckstück des Grenzortes geworden ist.

Nach der Wallfahrt wurden Aquarall-Aufnahmen der Tussetkapelle als Dank- und Erinnerungs-geschenke verteilt: v.l.n.r. vorne: Franz Friedsam (kümmert sich ehrenamtlich um die Pflege der Philippsreuter Kapelle), Zeremoniar Walter Schwarz (gebürtiger Mitterfirmiansreuter, jetzt in Freising, assistiert seit Jahren bei der Wallfahrt), Karl Swihota und Rudolf Paulik (Vorsitzender und Ehrenvorsitzender des Heimatkreises Prachatitz), Altbürgermeister Alfred Schraml (war von 1996 bis 2014 Bürgermeister von Philippsreut), Theresia Friedsam (kümmert sich ehrenamtlich um die Pflege der Philippsreuter Kapelle), Bürgermeister Helmut Knaus hinten: Heinrich Heinzl (Gemeindebetreuer Landstraßen), Dekan Kajetan Steinbeißer aus Grafenau (zelebrierte den Festgottesdienst), Ortspfarrer Alois Kaiser (Parochus Loci seit Sept. 2006, betreut die Wallfahrt in Philippsreut sowie auch den Gottesdienst am Tussetberg in Tschechien seit 2007).